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Was wollen wir unseren Kindern mitgeben?
Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Treffens der Konfirmandeneltern. Entstanden sind wunderbare Voten, die die Eltern im Gottesdienst im Anschluss an die Predigt vorgetragen haben.
Hier eine Auswahl:
Ihr sollt wissen, dass wir immer für Euch da sind, egal was passiert. Unsere Tür und unser Herz sind immer offen.
Wir wünschen Euch eine glückliche Zukunft und dass Ihr nie die Hoffnung verlieren möget. Wir wünschen Euch die Fähigkeit zu lieben und zu vertrauen – Euch selbst und anderen.
Vertraut Euch selbst und lebt im Bewusstsein, dass wir Euch lieben und achten!
Die ganze Predigt samt aller Voten finden Sie hier ...
Liebe Bodelschwingh - Gemeinde,
kennen Sie „Hänschen klein“?
Hänschen klein / ging allein / in die weite Welt hinein. / Stock und Hut / steht ihm gut, / ist ja wohlgemut. / Doch die Mutter weinet sehr, / hat ja nun kein Hänschen mehr! / Da besinnt / sich das Kind, / kehrt nach Haus’ geschwind.
Das ist Version des alten Kinderliedes, die wahrscheinlich die meisten von uns kennen. Doch es ist nicht die ursprüngliche Fassung. Es ist vielmehr das, was übrig geblieben ist, nachdem Generationen von Kindern und Eltern die drei ursprünglichen Strophen zusammengekürzt haben.
Mit „Hänschen klein“ ist es also so wie mit vielen Dingen in unserem Leben – am Anfang steht etwas Großes, – und dann wird so lange daran herumgebogen, bis die ursprüngliche Aussage kaum mehr zu erkennen ist. So wird aus einem Lied über den schweren und zuweilen auch schmerzlichen Weg, auf dem aus dem „kleinen Hänschen“ ein „erwachsener Hans“ wird, ein kurzer Kinderreim, bei dem die Tränen der Mutter es vermögen, dass das „kleine Hänschen“ ein Leben lang ein „Hänschen klein“ bleibt.
Dabei erzählt die ursprüngliche Version die Geschichte mit kleinen, aber entscheidenden Änderungen:
Hänschen klein / Ging allein / In die weite Welt hinein./ Stock und Hut / Steht ihm gut, / Ist gar wohlgemut. / Doch die Mutter weinet sehr, / Hat ja nun kein Hänschen mehr! / „Wünsch dir Glück!“ / Sagt ihr Blick, / „Kehr’ nur bald zurück!“
Sieben Jahr / Trüb und klar / Hänschen in der Fremde war./ Da besinnt / Sich das Kind, / Eilt nach Haus geschwind. / Doch nun ist’s kein Hänschen mehr. / Nein, ein großer Hans ist er. / Braun gebrannt / Stirn und Hand. / Wird er wohl erkannt?
Mich beschäftigt die Frage, wie es passieren konnte, dass der ursprüngliche Sinn der ersten Fassung so sehr verändert wird. Von dem Hin- und Hergerissensein der Mutter, die einerseits traurig ist, dass ihr kleiner Hans das Elternhaus verlässt, es aber dennoch vermag, ihm in der Fremde viel Glück zu wünschen, bleiben am Ende alleine die Tränen übrig. Und diese Tränen haben in der übriggebliebenen „Schrumpf-Version“ die Kraft, das aus dem kleinen Hänschen niemals ein großer Hans wird. Kaum sind sie geweint, bricht er vielmehr das Abenteuer des Erwachsenenwerdens ab und kehrt geschwind nach Haus zurück.
Ich muss gestehen – ich empfinde die Kürzung wie einen Spiegel. Einen Spiegel, in dem uns all’ das vor Augen gehalten wird, was wir doch eigentlich gar nicht wollen. Wer möchte schon seine Kindern ein Leben lang an sich binden? Wer wäre schon froh darüber, wenn die eigenen Tränen die Kinder zur sofortigen Heimkehr bewegen könnten. Eigentlich niemand – oder doch?
Gibt es vielleicht auch eine kleine, sorgfältig verborgene Stimme in uns Eltern, die sagt: „Ich könnte dem Gedanken schon etwas abgewinnen, wenn ich zeitlebens der wichtigste Mensch in ihrem Leben bliebe – na klar weiß ich, dass das nicht geht – aber ein ganz klein bisschen schön wäre es schon?“
Vielleicht haben wir auch Angst, dass die Lebensaufgabe für unsere Kinder Schweres enthält, - Fehler machen, Leid erfahren, Kummer ertragen. Auf gleiche Weise könnte ich mir vorstellen, dass es den Jugendlichen manchmal ähnlich geht. Könnte es sein, dass ihr auf die Worte eurer Eltern: „Unser Haus steht euch immer offen“ - manchmal etwas zu schnell bereit seid, die nicht immer leicht zu ertragende Unabhängigkeit des Erwachsenenwerdens gegen die heimelige Rückkehr in den Schoß der Familie aufzugeben?
In der ursprünglichen Version kehrt Hans nach sieben Jahren nach Hause zurück. – und wird von den Geschwistern nicht erkannt:
Eins, zwei, drei / Geh’n vorbei, / Wissen nicht, wer das wohl sei. / Schwester spricht: / „Welch Gesicht?“ / Kennt den Bruder nicht. / Kommt daher die Mutter sein, / Schaut ihm kaum ins Aug hinein, / Ruft sie schon: / „Hans, mein Sohn! / Grüß dich Gott, mein Sohn!“
Nach Hause zu kommen – egal, was passiert ist, egal, wie lange wir wegwaren – und dann mit diesen Worten empfangen werden, wer wünscht sich das nicht? Oder aus der Position der Mutter formuliert: Wer vermag es schon, jemand der so lange nichts von sich hat hören lassen, mit offenen Armen wieder aufzunehmen?
Vielleicht, so stelle ich mir vor, hat die ursprüngliche Version des Liedes auch genau aus diesem Grund so starke Veränderungen hinnehmen müssen. Denn wer von uns hat schon den Mut, nach so langer Zeit der Funkstille wieder den ersten Schritt aufeinander zu zu tun? Seinen ganzen Groll, seine Traurigkeit und Verletzung hinten an zu stellen und der Freude den Vortritt zu lassen?
Das scheint mir, ist oftmals mehr, als wir vermögen. Oder in den Bildern des Evangeliums vom „Vater mit den zwei Söhnen“ zu sprechen – wir wären so gerne wie der Vater, der seinen verlorenen Sohn mit offenen Armen empfängt, sind aber in Wirklichkeit mindestens ebenso wie oft der ältere Bruder, der missmutig und eifersüchtig vor der Tür steht und sich weigert, mitzufeiern.
Beide Seiten gibt es in uns, Eltern wie Kindern – die Seite, die verzeiht und die Seite, die nicht verzeihen kann. Es ist gut, das zu wissen. Denn nur, wenn wir auch unsere dunkle Seite kennen, können wir lernen, mit ihnen umzugehen. Wie das geschehen kann, macht uns der Vater vor. Er bleibt nicht im Haus und bittet den älteren, wütenden Bruder herein, sondern er verlässt sein Haus, tritt aus dem, was ihm wichtig ist und was er für richtig hält, heraus, und stellt sich zu seinem Sohn.
Das ist der vielleicht schwerste Schritt, den wir gehen können, weil er uns dazu bringt, unsere vertraute Sichtweise zu verlassen und die ganze Angelegenheit aus den Augen eines anderen zu sehen. Den Vater befreit es dazu, überhaupt erst zu erkennen, was sich der ältere Sohn wünscht:: Dass seine jahrelange, scheinbar selbstverständliche Arbeit anerkannt wird, dass auch ihm ein Fest gegönnt wird, dass auch er mal im Mittelpunkt stehen darf.
Und den älteren Sohn befreit es genauso, weil er erst jetzt wirklich darauf versteht, dass er sich nehmen darf, was er möchte – weil der Vater es nicht für sich selbst reklamiert, sondern ihm verspricht: Was mein ist, ist auch dein.
Diese Offenheit, Grenzen zu überschreiten, ist das vielleicht schönste Geschenk, das Gott uns macht. Gott erbarmt sich über uns Menschen – egal, wie viel Irrwege wir hinter uns haben. In diesem Vertrauen, dass Gott sich unser erbarmt – egal, was passiert -, können wir es wagen, unsere eigenen Grenzen und die Grenzen, die andere um sich ziehen, zu überschreiten.
Als wir uns am Mittwoch im Kreis der Koller-Eltern getroffen haben, war diese Offenheit ein großes Thema. Aus dem Gespräch darüber sind Wünsche entstanden, die die Eltern unserer Konfis speziell ihren Kindern – aber natürlich auch allen anderen Jugendlichen mitgeben möchten:
Ihr sollt wissen, dass wir immer für Euch da sind, egal was passiert. Unsere Tür und unser Herz sind immer offen.
Ihr müsst Euren eigenen Wege finden, um glücklich zu werden. Aber Hauptsache ist, Ihr werdet glücklich!
Was immer passiert, Ihr sollt trotz allem Vertrauen zu uns haben und glücklich sein. Denn wenn Ihr glücklich seid, dann sind wir es auch!
Wir wünschen Euch eine glückliche Zukunft und dass Ihr nie die Hoffnung verlieren möget. Wir wünschen Euch die Fähigkeit zu lieben und zu vertrauen – Euch selbst und anderen.
Wir wünschen Euch die Kraft, mit Schicksalsschlägen umzugehen und auch dann noch das Schöne und Gute in der Welt zu erkennen.
Wir wünschen Euch Freunde – echte Freunde! – und Zufriedenheit mit Euch selbst. Was ihr auch macht, macht es mit Freude.
Nicht was wir wollen, sondern was Ihr selbst wollt, ist entscheidend. Vertraut auf Euch, auf Eure Fähigkeiten – und auf Gott. Jeder von Euch kann etwas besonderes besonders gut – denn für jeden von Euch gilt: Du bist Du (das ist der Clou ;). Lasst euch nicht verbiegen, bleibt euch selbst treu.. Geht Eure Wege im Leben, wohin sie Euch auch führen – mit lieben Menschen an der Seite und dem Wissen, dass Ihr Euch immer an uns wenden könnt – immer, wenn ihr es braucht!
Vertraut Euch selbst und lebt im Bewusstsein, dass wir Euch lieben und achten!
Amen – so sei es! |